Michèle (3. Ausbildungsjahr)

Ein Spätdienst während meiner Ausbildung!

Wesentlich ausgeschlafener als die letzten Tage sitze ich pünktlich um 13:30 Uhr im Stationszimmer und warte auf die Dienstübergabe. Heute habe ich Spätschicht. Sobald alle einen Platz gefunden haben, geht es los. Die KollegInnen aus dem Frühdienst berichten, wie es jedem einzelnen Patienten geht, wobei sie ihn unterstützt haben und welche Operationen und Untersuchungen heute insgesamt noch anstehen. Danach dürfen die Frühaufsteher nach Hause gehen und wir, d.h. zwei ausgelernte Kolleginnen, eine Praktikantin und ich machen uns an die Arbeit.

Die Station, auf der ich seit einigen Wochen eingesetzt bin, behandelt orthopädische Patienten, vor allem aber die mit Wirbelsäulenerkrankungen. Da wir im dritten Ausbildungsjahr eigenverantwortliches und selbstständiges Arbeiten lernen, darf ich heute allein drei Patientenzimmer betreuen. Ich freue mich darauf, im Unterricht erworbenes Wissen anzuwenden und zeigen zu können, was ich in der Praxis bereits gelernt habe.

Nachdem ich die Medikamente für die Patienten gestellt habe, mache ich meine Nachmittagsrunde. Das heißt, ich gehe in jedes meiner Zimmer und messe die Vitalzeichen, schaue mir die Verbände an, frage nach Schmerzen, verteile Medikamente und habe ein offenes Ohr für Wünsche, Fragen und manchmal auch Sorgen. Im ersten Zimmer liegt eine Frau mittleren Alters, die heute an der Bandscheibe operiert worden ist. Sie ist noch etwas schläfrig von der Narkose, hat den Eingriff aber gut überstanden. Ich erkläre ihr, dass sie noch ein paar Stunden flach liegen muss. Außerdem kontrolliere und dokumentiere ich stündlich Blutdruck und Verband, um Probleme frühzeitig zu erkennen. Auf dem Flur kommt mir dann Herr Meyer (Namen geändert) entgegen. Er hat vor wenigen Tagen ein künstliches Kniegelenk erhalten und war danach sehr schmerzgeplagt. Die Physiotherapeuten und Pflegekräfte hatten alle Hände voll zu tun, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Heute erzählt er mir strahlend, dass ihm das Laufen mit den Unterarmgehstützen nun immer leichter falle. Zwischendurch klingelt immer mal wieder das Telefon. Patienten sollen eingeschleust, d.h. in den OP gebracht, andere können dafür aus dem Aufwachraum abgeholt werden. Wir haben gut zu tun, viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht.

Gegen 17:30 Uhr verteilen wir das Abendessen und danach haben auch wir endlich Gelegenheit für eine Stärkung. Nachdem ich meinen Hunger wenigstens für den Moment stillen konnte und alle Tabletts wieder auf dem Weg runter in die Küche sind, schnappe ich mir noch einmal meinen Pflegewagen, sehe nach meinen Patienten. Ich leiste Hilfestellung bei der Körperpflege und beim Umziehen, verteile die Medikamente zur Nacht und die allseits unbeliebte Spritze zur Thromboseprophylaxe. Die frisch operierte Dame ist mittlerweile wach, ihre Vitalzeichen waren den Tag über stabil. Ich unterstütze sie beim ersten Aufstehen und beim Gang zur Toilette. Dabei habe ich sie die ganze Zeit über im Auge und frage nach Schwindelgefühlen oder Übelkeit, um im Notfall sofort handeln zu können. Ohne Blessuren und mit etwas rosigerer Gesichtsfarbe liegt sie kurze Zeit später wieder im Bett und ich verabschiede mich für heute.

Am Ende meines Dienstes dokumentiere ich am PC, was ich den Tag über beobachtet und getan habe. Dasselbe berichte ich auch der Nachtschwester, die um 21:24 Uhr zur Dienstübergabe erscheint. Kurz darauf habe ich Feierabend. Ich bin geschafft und wirklich froh, wenn ich gleich die Füße hochlegen kann. Aber ich gehe mit dem guten Gefühl nach Hause, auch heute wieder etwas Sinnvolles getan zu haben. Und das sind dampfende Füße doch irgendwie wert.